Warum eigentlich keinen Betriebsrat wählen?



Kaffee & Keks

Hilfe! Sie wollen einen Betriebsrat gründen.

Versuchen Sie das mal z. B. in einer amerikanischen Firma, die kurz vor dem Verkauf steht. Käufer war eine andere US-Firma. Da kommt Freude auf, solche Erfahrungen macht man nur einmal im Leben. Damals … wurde kein BR (Betriebsrat) gegründet, obwohl ca. 70 Mitarbeiter dafür stimmten. 3 hätten gereicht – laut Gesetz. Wir Idioten hatten uns nämlich vorher verpflichtet, eine einfache Mehrheitsentscheidung zu aktzeptieren. Bei gut 200 Mitarbeitern sind irgendwas um 70 nun mal keine Mehrheit.

 

Firmen über 5 Mitarbeiter haben einen Betriebsrat

… dabei braucht es keine Mehrheit! Das Gesetzt sieht einfach vor, daß “Firmen über
5 Mitarbeitern einen Betriebsrat haben”. Das ist deutsches Recht. Genaus wie die 2 Jahre
Garantie beim Gebrauchtwagenkauf vom Händler.

Einer unserer Chefs damals meinte ganz verzweifelt … “Aber da wird ja ein Automatismus in Gang gesetzt, der nicht mehr zu stoppen ist!” Richtig. 3 Leute für den Wahlvorstand zum BR sind genug. Dann braucht es – glaube ich – nur noch 2, die sich wählen lassen. Eine BetriebsrätIn und ihre StellvertreterIn. Das isses.

Danach hat man als Mitarbeiter viel mehr Standing. Mehr Ahnung, mehr Achtung, mehr Macht.
Aber wir verzichten darauf doch alle gerne. 50% lieb sein, 50% Schiss. WIR …. brauchen doch
keinen Betriebsrat. (Da könnte man ja gleich den Kommunismus ausrufen!) Wir mögen uns doch
alle! Unsere Chefs sind ja sooo sozial. Keiner wird entlassen, sogar der Kaffee ist immer umsonst.

 

Auf zum Kaffee-Kränzchen

Nochmal tja. Würden Sie auf 2 Jahre Garantie verzichten, weil Ihnen der Verkäufer Ihres Gebrauchten einen Kaffee ausgibt? Der Herr ist doch sooo nett. Klar verzichte ich jetzt auf die Gewährleistung (keine Ahnung, ob man darauf überhaupt verzichten kann – ist ja auch nur ein Beispiel). Allerdings – auf den gesetzlich gewollten Betriebsrat kann man schon verzichten. Da reicht ein bischen Kaffeepulver, das “Du” und die Drohnung mit der Gewerkschaft! Wollen wir das? Wollen wir wirklich mitbestimmen in (auch) unserem Betrieb? Über Betriebsverlagerungen informiert sein, Überstundenregelungen, Boni, Kündigungen mitentscheiden? Ach, doch lieber nicht. Da bin ich doch zu doof zu. Und mit Gewerkschaften will ich schon mal gar nichts zu tun haben!

Wirklich? Zurück zur Story … Unsere Chefs damals machten mächtig Wind GEGEN den zu gründenden BR. “Wir könnten ihnen doch vertrauen, niemand würde entlassen – so tolle Mitarbeiter wie wir!!!, die Amis würden uns nicht mehr haben (kaufen) wollen, wenn wir einen BR hätten” … usw, usw. Im mittleren Management angesiedelte Unterstützer des BR verließen plötzlich die Firma (manche meinten, mit guten Abfindungen in der Tasche), Hallen im Ort konnten auf einmal nicht mehr für Informationsveranstaltungen angemietet werden, und die Diskussionen gingen hoch her bei sämtlichen Mitarbeitern. Da kam richtig Leben in die Bude.

 

Ein Betriebsrat, Gewerkschaft? Kommunisten, Russen, Rot-China!

Jedenfalls – wir bräuchten doch alle keine Angst haben – trotz Verkaufs. Im Gegenteil, gerade
wegen des Verkaufs sollten wir auf gar keinen Fall so dumm sein und einen BR gründen. Mit
Betriebsrat wäre an einen Verkauf aber schon gar nicht mehr zu denken! Und DANN sähe alles äußerst schwarz aus (ein bischen Angst gemacht), weil … Amis hätten ja sooo eine Panik vor “workers unions” und dann auch noch in Germany! Wo der gemeine Ami eh die DDR nicht von Deutschland unterscheiden kann. Wir fehlgeleiteten Dummerchen würden ja mit unserem Betriebsrat die Existenz der Firma insgesamt in Frage stellen.

 

Beim Gebrauchtwagenhändler

Dein Termin mit X ist um 16.15.

Genau, vertrauen Sie doch dem Gebrauchtwagenhändler, der hat Sie ganz doll lieb und sowieso viel mehr Ahnung als Sie! Das Auto ist prima! Das hält ewig! Und der Kaffee erst, lecker und umsonst! Was tun Sie? Wir verzichteten – auf die Gewährleistung. 70 zu 140 gegen den BR. Und unsere Chefs hatten Recht! Die Amis haben das honoriert und uns gekauft … und keine 4 Wochen später hieß es (per Mail): “Dein Termin mit … ist um 16.15.” 30 Kollegen hatten ihren Termin an diesem Tag, und waren fortan nicht mehr gesehen.

 

Und die Moral von der Geschicht’, verzichte auf Deine Rechte nicht! :-(



PS.: Nach dieser Aktion wurde ein zweiter Anlauf für einen Betriebsrat gestartet. Seitdem hat
meine Ex-Firma einen BR – und existiert damit noch heute.
PPS.: Ein BR hat gar nichts mit Gewerkschaften zu tun.
Kurze Checkliste zum Thema Betriebsrat von mir gibt’s hier: Betriebsrat wählen.

Nicht vergessen, auch Schafe haben Hörner! Ophelia Elesse

Die Bilder aus diesem Artikel stammen aus folgenden Quellen:
Kaffeetasse von Gänseblümchen, pixelio.de
Frau gekauft von clipdealer

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